Die Bauwirtschaft steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Entgegen verbreiteter Befürchtungen werden Bauberufe nicht massenhaft verschwinden. Stattdessen verändern sich Tätigkeiten, Qualifikationsprofile und Verantwortlichkeiten. Digitalisierung, Building Information Modeling (BIM), Künstliche Intelligenz (KI) und digitale Zwillinge automatisieren vor allem Routinetätigkeiten – während neue, höher qualifizierte Rollen entstehen.

Keine Branche im Abbau – sondern im Umbau

Internationale Arbeitsmarktanalysen zeigen übereinstimmend: Die Bauwirtschaft gehört nicht zu den Branchen mit strukturellem Beschäftigungsabbau. Vielmehr steigt der Bedarf an qualifizierten Fachkräften, insbesondere vor dem Hintergrund von Infrastrukturinvestitionen, energetischer Sanierung und Fachkräftemangel.

 

Studien u. a. des World Economic Forum und von McKinsey kommen zu dem Ergebnis, dass Automatisierung im Bau primär der Produktivitätssteigerung dient – nicht dem Ersatz menschlicher Arbeit. Wegfallen können einzelne Tätigkeiten, nicht aber ganze Berufsbilder.

Welche Tätigkeiten unter Druck geraten

Besonders betroffen sind Aufgaben mit hohem Wiederholungs- und Standardisierungsgrad:

  • Manuelle Zeichen- und Planableitungen ohne fachliche Entscheidungsanteile (z. B. reines „Reinzeichnen“).

  • Klassische Massenermittlung und Standard-LV-Erstellung, sofern diese nicht modell- oder datenbasiert erfolgt.

  • Dokumentations- und Projektadministrationstätigkeiten, etwa Protokollierung, Fotodokumentation oder Statusberichte.

  • Reaktives Facility Management, das ohne strukturierte Betriebs- und Anlagendaten arbeitet.

Diese Aufgaben werden zunehmend durch BIM-Workflows, automatisierte Auswertungen und KI-gestützte Systeme unterstützt oder ersetzt.

Klassische Bauberufe bleiben – und werden wichtiger

Handwerkliche und ausführende Berufe wie Elektriker, SHK-Fachkräfte, Bauausführung, Instandhaltung und Montage gelten weiterhin als zukunftssicher. Ihre Tätigkeiten erfordern physische Präsenz, situative Entscheidungen, Sicherheitsverantwortung und Erfahrung – Aspekte, die kurzfristig nicht automatisierbar sind.

Gleichzeitig steigen die Anforderungen an digitale Grundkompetenzen, etwa im Umgang mit mobilen Baustellenlösungen, digitalen Plänen oder vernetzten Anlagen.

Neue Berufsbilder entstehen

Parallel zur Transformation entstehen neue Rollenprofile an der Schnittstelle von Bau, Betrieb und Digitalisierung:

  • BIM-Informationsmanager / Datenmanager Bau
    Verantwortung für Datenstrukturen, Informationsqualität und kollaborative Modelle.

  • Building Performance Manager / Digital-Twin-Spezialist
    Optimierung von Energieverbrauch, Betriebskosten und Nutzerkomfort auf Basis digitaler Zwillinge.

  • Robotik- und Automatisierungstechniker im Bau
    Betrieb, Wartung und Integration automatisierter Systeme auf Baustellen.

  • KI-Anwendungs- und Prozessspezialisten
    Einsatz von KI in Planung, Qualitätssicherung, Dokumentation und Betrieb – inklusive Governance und Haftungsfragen.

  • Energie-, ESG- und Circular-Construction-Experten
    Fokus auf Sanierung, CO₂-Reduktion, Nachhaltigkeitsnachweise und Lebenszyklusbetrachtungen.

Die europäische Arbeitsmarktagentur Cedefop betont, dass diese Entwicklungen weniger neue Berufe im klassischen Sinn schaffen, sondern bestehende Berufsbilder substanziell erweitern.

Fazit

Die Zukunft der Bauberufe ist kein Szenario des Wegfalls, sondern der Weiterentwicklung. Routinearbeiten nehmen ab, während daten-, technologie- und verantwortungsintensive Aufgaben zunehmen. Entscheidend für Beschäftigte und Unternehmen wird sein, frühzeitig in Qualifikation, digitale Kompetenzen und neue Organisationsmodelle zu investieren.

Die Bauwirtschaft bleibt ein arbeitsintensiver Sektor – aber mit deutlich veränderten Rollen, Anforderungen und Chancen.

Bericht: Michael Müller